Dispositionsleitstand bei Nacht mit Blick auf den Lkw-Hof
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Optimierung

Manuelle vs. dynamische Tourenplanung: was ein Digital Twin anders rechnet.

Erfahrene Disponenten planen gut. Der Unterschied zur Optimierung liegt nicht in der Geschwindigkeit und nicht in der Ortskenntnis, sondern darin, wie viele Alternativen überhaupt bewertet werden – und ob Restriktionen geprüft oder gehofft werden.

9 MinutenStand September 2026eviit GmbH

Zu den Einsparungen durch Tourenoptimierung kursieren viele Prozentzahlen. Fast alle stammen von Softwareanbietern und nennen keine Studie. Die folgenden Werte tun das.

5 bis 20 %
Einsparung an gesamten Transportkosten durch rechnergestützte Planung – die Standardangabe der Optimierungsliteratur1
20 %
kürzere Touren durch mathematische Nachoptimierung eines bestehenden Plans, bei nahezu vollständiger Einhaltung der Wunschzeitfenster2
37,6 %
aller Fahrten deutscher Lkw waren 2024 Leerfahrten – auf die Fahrleistung bezogen sind es rund 23,5 %3
rund 75 %
der Kosten im nationalen Fernverkehr hängen an Fahrern, Kraftstoff und Maut – also an Kilometern und Stunden4

Beide erzeugen einen Plan. Nur einer bewertet Alternativen.

Am Ende steht in beiden Fällen dasselbe Ergebnis: eine Liste, welcher Auftrag auf welche Tour kommt, in welcher Reihenfolge und mit welchem Fahrzeug. Der Unterschied liegt darin, wie dieser Plan entsteht.

Manuelle Planung ist konstruktiv. Sie baut den Plan Schritt für Schritt auf: Gebiet festlegen, Fahrzeug zuordnen, Stopps in eine sinnvolle Reihenfolge bringen, prüfen, ob die Ladung passt. Jede Entscheidung schränkt die nächste ein. Ist die Tour einmal gebaut, wird sie in der Regel nicht mehr grundsätzlich in Frage gestellt – dafür fehlt schlicht die Zeit.

Dynamische Planung ist konstruktiv und verbessernd. Sie baut ebenfalls zuerst eine Startlösung, bewertet diese dann aber gegen tausende Varianten: Was passiert, wenn dieser Stopp auf die Nachbartour wandert? Wenn zwei Touren getauscht werden? Wenn die Reihenfolge an drei Stellen umgedreht wird? Jede Variante wird gegen alle Restriktionen geprüft und nur behalten, wenn sie besser ist.

Was „manuell“ in der Praxis konkret bedeutet

Die verbreitetste manuelle Planungslogik ist die Sektor-Disposition: Das Liefergebiet wird nach Himmelsrichtungen geteilt, jedes Fahrzeug bekommt einen Sektor, und innerhalb des Sektors wird nach dem Prinzip „nächster Kunde zuerst“ gefahren, bis das Fahrzeug voll ist.

Das ist keine schlechte Heuristik – sie ist robust, erklärbar und im Kopf durchführbar. Sie hat nur zwei eingebaute Schwächen. Erstens: Ist ein Fahrzeug voll, bevor sein Sektor abgearbeitet ist, muss ein zweites Fahrzeug in dieselbe Ecke fahren. Zweitens: „Nächster Kunde zuerst“ ist am Anfang der Tour effizient und am Ende teuer, weil die übrig gebliebenen Stopps weit auseinanderliegen.

Das Prinzip

Gleiche Stopps, gleiches Depot, unterschiedliche Logik.

Links die Sektor-Disposition: Ein Fahrzeug ist in der rechten oberen Ecke voll, ein zweites fährt dieselbe Ecke erneut an. Rechts dieselben Stopps, zu vier Touren gebündelt, die sich nicht überschneiden.

Sektor-Disposition5 Touren · Ecke doppelt angefahren
Optimierte Tourenbildung4 Touren · gleiche Stopps
Depot Lieferstelle zweite Anfahrt derselben Ecke, weil das erste Fahrzeug voll war

Schematische Darstellung des Planungsprinzips mit 24 Stopps und einem Depot – keine Darstellung der Ergebnisse des Simulationsbeispiels. Sie zeigt den Mechanismus, aus dem die Differenz entsteht: doppelt angefahrene Gebiete und teure Rückwege am Tourende.

Was ein Digital Twin ist – und was nicht

„Digital Twin“ klingt nach 3D-Animation. Gemeint ist etwas Nüchterneres: ein rechenbares Abbild Ihrer Disposition. Es enthält Ihre Aufträge mit Mengen und Zeitfenstern, Ihre Fahrzeuge mit Kapazitäten und Profilen, Ihre Depots mit Startzeiten, Ihre Schichten – und das echte Straßennetz mit realistischen Fahrzeiten statt Luftlinie.

Der Nutzen dieses Abbilds ist nicht die Darstellung, sondern die Frage, die man daran stellen kann: Was wäre, wenn? Was, wenn wir einen Kunden dazu nehmen? Wenn ein Fahrzeug ausfällt? Wenn wir das Zeitfenster von drei auf vier Stunden verhandeln? Wenn wir fünf Diesel durch E-Fahrzeuge ersetzen? Jede dieser Fragen ist ein Rechenlauf – und keine Diskussion.

Drei Dinge werden anders gerechnet

  • Die Zuordnung. Manuell entscheidet die Geografie, welcher Stopp auf welche Tour kommt. Optimiert entscheiden die Kosten: Ein Stopp landet dort, wo er insgesamt am wenigsten zusätzliche Kilometer und Zeit verursacht – auch wenn das quer zur Gebietslogik liegt.
  • Die Reihenfolge. Manuell wird lokal entschieden, Stopp für Stopp. Optimiert wird die Reihenfolge als Ganzes bewertet, inklusive der Rückfahrt zum Depot, die bei „nächster Kunde zuerst“ systematisch unterschätzt wird.
  • Die Einhaltung. Manuell sind Zeitfenster eine Erwartung. Optimiert sind sie eine harte Nebenbedingung: Ein Plan, der ein Fenster verletzt, wird gar nicht erst als Lösung akzeptiert – oder er wird explizit als Verletzung ausgewiesen, statt unbemerkt zu bleiben.

Wie groß ist der Effekt wirklich?

Die seriöseste allgemeine Angabe stammt aus dem Standardwerk zum Vehicle Routing Problem: Rechnergestützte Planung von Distributionsprozessen erzielt typischerweise 5 bis 20 % Einsparung an den gesamten Transportkosten 1. Das ist eine Spanne, kein Versprechen – und sie ist deutlich vorsichtiger als die zweistelligen Festwerte, mit denen Anbieter werben.

Wie stark der reine Planungshebel wirkt, zeigt eine Untersuchung von Fraunhofer ISI mit Einride und REWE besonders klar. Verglichen wurde, ob man Diesel-Lkw eins zu eins durch Elektrofahrzeuge ersetzt oder zusätzlich die Einsatzplanung optimiert. Mit optimierter Planung ließen sich 54 % statt 32 % der Kilometer elektrifizieren, und die Transportkosten lagen 8 % statt 3 % unter einer reinen Dieselflotte 5. Dieselben Fahrzeuge, dieselben Aufträge – der Unterschied entsteht ausschließlich dadurch, wie geplant wird.

Beleg · Simulationsbeispiel Regionallogistik

320 Lieferstellen. 37 Touren. Nachgerechnet.

Wir haben beide Verfahren gegeneinander gerechnet: gleiche Aufträge, gleiche Fahrzeuge, gleiche Schicht, ein Regionallager. Die Baseline ist eine typische Sektor-Disposition, das Gegenstück ein mit VROOM optimierter Plan auf demselben Digital Twin.

  • −13 % Kilometer entstehen nicht durch schnelleres Fahren, sondern durch andere Zuordnung und Reihenfolge
  • Die Zeitfensterquote springt von 73 % auf 100 % – bei gleichzeitig weniger Kilometern, nicht als Kompromiss
  • 36 statt 37 Touren, und alle enden innerhalb der Schicht 06–16 Uhr
Simulationsbeispiel im Detail
Sektor-Disposition vs. Digital TwinDigital Twin
Kilometer
Disposition7.842 (100 %)
Optimiert6.830 (87 %)
Touren
Disposition37 (100 %)
Optimiert36 (97 %)
Zeitfensterverstöße
Disposition27 % (100 %)
Optimiert0 % (0 %)

Simulationsbeispiel auf synthetischen Daten: ein Regionallager, 1.164 Paletten, 60 % der Lieferstellen mit Drei-Stunden-Zeitfenstern, 33 Paletten Fahrzeugkapazität, Schicht 06–16 Uhr. Baseline ist eine typische Sektor-Disposition, optimiert wurde mit VROOM. Im Echtbetrieb rechnen wir denselben Digital Twin für die Regionallogistik eines Lebensmittelhandelsunternehmens – Ergebnisse besprechen wir im Gespräch.

Die interessanteste Zahl ist die 36

Am aussagekräftigsten ist im Simulationsbeispiel nicht die Kilometerersparnis, sondern die Tourenzahl. Bei 1.164 Paletten und 33 Paletten Fahrzeugkapazität sind rechnerisch mindestens 1.164 ÷ 33 = 35,3, also aufgerundet 36 Touren nötig – rein aus der Ladung heraus, ohne dass Entfernung oder Zeitfenster überhaupt eine Rolle spielen 6.

Der optimierte Plan kommt mit genau 36 Touren aus. Er erreicht damit die theoretische Untergrenze: Weniger Touren sind bei dieser Auftragsmenge physikalisch nicht möglich. Das ist der eigentliche Unterschied zur manuellen Planung – nicht, dass sie schlechter wäre, sondern dass sie nicht wissen kann, wie nah sie am Optimum liegt. Optimierung liefert den Plan und zugleich die Information, wie viel Luft noch drin ist.

Was Optimierung nicht kann

Ein Optimierer rechnet exakt das, was modelliert wurde – und nichts sonst. Daraus folgen drei ehrliche Einschränkungen:

  • Undokumentiertes Wissen fehlt. Die zu enge Zufahrt, der Fahrer mit dem Schlüssel für Tor 3, der Kunde, der freitags früher schließt: Was nicht im Modell steht, wird nicht berücksichtigt. Solche Regeln müssen einmal erfasst werden – danach gelten sie zuverlässig, auch im Urlaub des Disponenten.
  • Datenqualität bestimmt das Ergebnis. Falsche Geokoordinaten, geschätzte Standzeiten oder Mengen in wechselnden Einheiten verzerren jede Rechnung. In der Praxis ist die Liste der Datenqualitätsprobleme oft das erste greifbare Ergebnis eines Optimierungsprojekts.
  • Der Disponent bleibt. Optimierung ersetzt nicht die Entscheidung, sondern die Fleißarbeit davor. Sie liefert einen gerechneten Vorschlag, den ein Mensch übersteuern kann – und idealerweise wird jede Übersteuerung zur neuen Regel im Modell.
Einordnung
13 % sind kein Erwartungswert für jede Flotte. Wer aus einem Depot sternförmig in ein dünn besetztes Gebiet liefert und ohnehin volle Fahrzeuge fährt, findet deutlich weniger. Wer viele Zeitfenster, mehrere Fahrzeugtypen und gewachsene Gebietsgrenzen hat, findet oft mehr. Was in Ihrem Netz steckt, zeigt erst die Rechnung auf Ihren Daten.

Was sich im Alltag ändert

Der sichtbarste Effekt ist selten die Kilometerzahl. Es ist die Reproduzierbarkeit: Der Plan hängt nicht mehr an einer Person, kurzfristige Änderungen sind ein neuer Rechenlauf statt eines halben Vormittags, und jede Planungsvariante lässt sich beziffern, bevor sie gefahren wird. Wie viel Fahrerkapazität dabei frei wird, rechnet der Text zum Fahrermangel durch; welche Regeln ein belastbares Modell enthalten muss, steht bei den Restriktionen.

Quellen
  1. 1Toth, P. & Vigo, D.: The Vehicle Routing Problem, SIAM Monographs on Discrete Mathematics and Applications – Standardangabe von 5 bis 20 % Einsparung an gesamten Transportkosten durch rechnergestützte Planung (2002).
  2. 2Fraunhofer ITWM für ARZ Haan AG (Projekt KoGGe): Kürzere Touren dank mathematischer Optimierung, berichtet von der Pharmazeutischen Zeitung – Anwendungsfall ambulante Pflege, nicht Güterverkehr (2024). Quelle
  3. 3BALM / Kraftfahrt-Bundesamt: Marktbeobachtung Güterverkehr – Jahresbericht 2024, Tabelle 7, S. 18; der Kilometeranteil von 23,5 % ist eine eigene Berechnung aus der KBA-Statistik „Verkehr deutscher Lastkraftfahrzeuge“, Berichtsjahr 2025 (2025). Quelle
  4. 4BGL: Abschätzung zur Kostenentwicklung im Güterkraftverkehr – Einsatz im Fernbereich (national), Modellrechnung Stand Dezember 2023; Summe aus Fahrerkosten (29,3 %), Kraftstoff (25,6 %) und Maut (17,3 %) (2023). Quelle
  5. 5Fraunhofer ISI mit Einride und REWE: Beyond replacing diesel trucks: how optimized fleet planning increases electrification and lowers transportation costs; Datenbasis über 38.000 Lieferungen, mehr als 200 Diesel-Lkw, über 500 Filialen (2025). Quelle
  6. 6eviit GmbH: Simulationsbeispiel Regionallogistik auf synthetischen Daten; die Untergrenze von 36 Touren ergibt sich rechnerisch aus 1.164 Paletten bei 33 Paletten Fahrzeugkapazität (2026).

Bewusst nicht verwendet: die verbreiteten Angaben von „5 bis 15 % Kilometereinsparung“, „bis zu 49 % Ersparnis“ oder „15 % geringere Flottenkosten“. Sie ließen sich ausnahmslos auf Blogbeiträge von Softwareanbietern zurückführen, hinter denen keine Studie steht. Quelle 2 stammt aus der ambulanten Pflege und ist als Analogie zur Nachoptimierung bestehender Pläne zu lesen, nicht als Kennzahl des Güterverkehrs.

Nächster Schritt

Den Unterschied auf Ihren Daten sehen.

Wir rechnen Ihre gefahrenen Touren gegen ein optimiertes Szenario – gleiche Aufträge, gleiche Fahrzeuge, gleiche Regeln. Sie bekommen das Delta in drei Varianten: freie Optimierung als Obergrenze, mit Ihren Planungsregeln als realistischen Wert, konservativ als untere Schranke.

Finden wir weniger als 5 % Kilometer-Potenzial, halbiert sich der Preis. Bei Umsetzung wird er vollständig angerechnet.

FAQ

Häufige Fragen

Kurzantworten zu den Fragen, die dieser Text am häufigsten auslöst.

Was ist der Unterschied zwischen manueller und dynamischer Tourenplanung?

Ein erfahrener Disponent plant über gemerkte Muster: bewährte Gebiete, bekannte Kunden, eingespielte Reihenfolgen. Eine dynamische Planung bewertet stattdessen Millionen Varianten gegen alle Restriktionen gleichzeitig – Zeitfenster, Kapazitäten, Lenkzeiten, Rampen – und wählt die beste. Der Unterschied ist nicht Erfahrung gegen Technik, sondern Muster gegen Suche.

Wie viel Unterschied macht ein Digital Twin konkret?

Im Simulationsbeispiel mit 320 Lieferstellen sanken die Kilometer um knapp 13 % – von 7.842 auf 6.830 Kilometer, bei 36 statt 37 Touren und null Zeitfensterverstößen. Gerechnet wurde gegen die vollständigen Planungsregeln, nicht gegen ein freies Optimum; erste unrestringierte Läufe zeigen deutlich mehr und sind deshalb als Aussage wertlos.

Ersetzt eine dynamische Planung den Disponenten?

Nein, sie verschiebt seine Rolle. Die Maschine liefert Varianten und macht Verletzungen sichtbar, der Disponent entscheidet über Ausnahmen, Kundenzusagen und Prioritäten – also über das, was in keinem Datensatz steht. In der Praxis läuft die Optimierung deshalb als Vorschlagsgeber neben der Disposition, nicht als Automat über ihr.