Lkw-Konvoi auf einer Passstraße in der Dämmerung
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Kapazität

Fahrermangel: Warum weniger Kilometer die einzige Fahrerquelle sind, die Sie selbst kontrollieren.

Fahrer einstellen können Sie nur, wenn es welche gibt. Fahrer halten können Sie nur, solange niemand mehr bietet. Kilometer streichen können Sie immer – und jeder gestrichene Kilometer ist eine Fahrerstunde, die Sie nicht mehr besetzen müssen.

8 MinutenStand September 2026eviit GmbH

Der Fahrermangel wird häufig mit sehr großen Zahlen beschrieben, die sich nicht belegen lassen. Die verbreiteten 120.000 oder 140.000 fehlenden Fahrer konnten wir bei keinem Verband als Primärquelle finden. Was sich belegen lässt, steht hier.

39 %
der Berufskraftfahrer im Gütertransport waren 2023 mindestens 55 Jahre alt – über alle Berufe hinweg sind es 25 %1
2,6 %
der deutschen Lkw-Fahrer sind jünger als 25 Jahre2
über 70.000
Berufskraftfahrer fehlen laut elf Wirtschaftsverbänden in Deutschland – 2018 waren es rund 40.0003
660.500
europäische Lkw-Fahrer gehen bis 2030 in Rente, rund ein Fünftel der Belegschaft4

Der Mangel ist demografisch, nicht konjunkturell

Ein konjunktureller Engpass löst sich, wenn die Konjunktur dreht. Ein demografischer löst sich nicht. Genau das ist die Lage im Güterkraftverkehr: 2021 arbeiteten in Deutschland rund 480.000 Menschen als Berufskraftfahrerinnen und -fahrer, 35 % von ihnen waren 55 Jahre oder älter 5. Zwei Jahre später lag dieser Anteil im Gütertransport bereits bei 39 % – über alle Berufe hinweg sind es 25 % 1.

Am anderen Ende der Altersskala steht die Zahl, die daraus ein strukturelles Problem macht: Nur 2,6 % der deutschen Lkw-Fahrer sind jünger als 25 Jahre 2. Der Ersatzbedarf der nächsten zehn Jahre ist damit keine Prognose, sondern bereits entschieden – die betreffenden Jahrgänge sind geboren, und die Nachrücker fehlen bereits heute.

Auch das Bundesamt für Logistik und Mobilität hält in seinem Jahresbericht fest, dass Unternehmen wegen fehlender Fahrer Fahrzeuge zeitweise stilllegen oder den Fuhrpark dauerhaft verkleinern 6. Der Mangel ist an diesem Punkt keine Personalfrage mehr, sondern eine Kapazitätsfrage.

Ausweichen ins Ausland funktioniert immer schlechter

Viele deutsche Unternehmen haben den Engpass jahrelang über osteuropäische Fahrer und Subunternehmer abgefedert. Dieser Puffer schrumpft, weil das Problem europäisch ist: Der Weltverband IRU beziffert die unbesetzten Fahrerstellen in Europa auf rund 502.000, was 13 % der Belegschaft entspricht – und erwartet, dass bis 2030 etwa 660.500 europäische Fahrer in den Ruhestand gehen, rund ein Fünftel des gesamten Bestands 4.

Wer heute plant, sollte deshalb nicht damit rechnen, dass sich die Lücke über den Arbeitsmarkt schließt – weder über den deutschen noch über den europäischen. Zumal alle Beteiligten dieselbe Strategie verfolgen: Höhere Löhne und bessere Bedingungen verteilen die vorhandenen Fahrer um, sie vermehren sie nicht. Das ist keine Kritik an diesen Maßnahmen, sondern eine Aussage über ihre Grenze.

Die Demografie

Es gehen doppelt so viele, wie nachkommen.

Links die Altersstruktur, rechts die jährliche Bewegung. Beide Seiten zeigen dasselbe: Die Lücke entsteht nicht durch Wachstum, sondern durch Ruhestand – und sie wird auch bei stagnierender Transportnachfrage jedes Jahr größer.

Altersstruktur 2023

Anteil der Beschäftigten, die 55 Jahre oder älter sind

Berufskraftfahrer im Gütertransport39 %
Alle Berufe im Durchschnitt25 %

Nur 2,6 % der deutschen Lkw-Fahrer sind jünger als 25 Jahre. Der Ersatzbedarf ist damit keine Prognose, sondern bereits beschlossen.

Jährliche Bewegung

Schätzung von elf Wirtschaftsverbänden, Januar 2026

Gehen jährlich in Rente30.00035.000
Kommen jährlich neu dazu15.00020.000
10.000–20.000
Fahrer, die pro Jahr rechnerisch fehlen – bevor die Nachfrage überhaupt wächst

Altersangaben: Statistisches Bundesamt (Mikrozensus 2023) und IRU. Die jährlichen Zu- und Abgänge sind eine Schätzung von elf Wirtschaftsverbänden aus Januar 2026, keine amtliche Statistik – wir kennzeichnen sie deshalb als Spanne.

Drei Hebel – zwei davon kontrollieren Sie nicht

Gegen zu wenig Fahrerkapazität gibt es genau drei Möglichkeiten. Sie unterscheiden sich fundamental darin, wie viel davon in Ihrer Hand liegt:

  • Rekrutieren. Sie können Ihre Attraktivität als Arbeitgeber beeinflussen – Bezahlung, Heimatnähe, Fahrzeuge, Planbarkeit. Sie können aber nicht beeinflussen, wie viele Menschen sich überhaupt für den Beruf entscheiden. Bei 2,6 % unter 25 Jahren ist der Pool die Begrenzung, nicht Ihr Stellenangebot.
  • Binden. Fluktuation zu senken ist real wirksam und meistens günstiger als Neueinstellung. Auch dieser Hebel bewegt sich aber im selben Wettbewerb: Wer bleibt, bleibt zulasten eines anderen Unternehmens.
  • Weniger Fahrerstunden brauchen. Dieser Hebel hängt an keinem Arbeitsmarkt. Er hängt daran, wie viele Kilometer und Stunden Ihr Tagesplan überhaupt erfordert – und das ist eine Rechenaufgabe, keine Verhandlung.

Der Unterschied ist grundsätzlich: Die ersten beiden Hebel verschieben vorhandene Fahrer zwischen Unternehmen. Nur der dritte schafft Kapazität, die vorher nicht da war – und zwar unabhängig davon, was Wettbewerber, Tarifpartner oder der Arbeitsmarkt tun.

Warum Kilometer und Fahrerstunden dasselbe Problem sind

Dass Kilometer Geld kosten, ist offensichtlich. Interessanter ist, wie sehr sie Zeit kosten. Nach der Modellrechnung des Bundesverbands Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung entfallen im nationalen Fernverkehr rund 29 % der Gesamtkosten auf Fahrerlohn samt Sozialaufwendungen und Spesen, rund 26 % auf Kraftstoff und gut 17 % auf die Maut 7. Zusammen sind das rund drei Viertel der Kosten, die direkt an gefahrenen Kilometern und geleisteten Stunden hängen.

Für die Kapazitätsfrage zählt vor allem die Zeitseite: Jeder eingesparte Kilometer ist Fahrzeit, die nicht geleistet werden muss. Und Fahrzeit ist die knappste Ressource im System – knapper als Fahrzeuge, knapper als Rampen, in vielen Betrieben knapper als Aufträge.

Beleg · Simulationsbeispiel Regionallogistik

320 Lieferstellen. 37 Touren. Nachgerechnet.

Wie viel Fahrerkapazität in einer besseren Planung steckt, lässt sich an unserem Simulationsbeispiel beziffern. Wir haben eine typische Sektor-Disposition gegen einen optimierten Plan gerechnet – gleiche Aufträge, gleiche Fahrzeuge, gleiche Schicht von 06 bis 16 Uhr.

  • 1.012 eingesparte Kilometer entsprechen bei der modellierten Fahrgeschwindigkeit von 45 km/h rund 22,5 Stunden Fahrzeit – an einem einzigen Planungstag 10
  • Das sind mehr als zwei volle Fahrerschichten, die nicht besetzt werden müssen
  • 22 der 37 Touren endeten in der Baseline nach Schichtende; im optimierten Plan keine einzige – das ist Mehrarbeit, die gar nicht erst entsteht
Simulationsbeispiel im Detail
Sektor-Disposition vs. Digital TwinDigital Twin
Kilometer
Disposition7.842 (100 %)
Optimiert6.830 (87 %)
Touren
Disposition37 (100 %)
Optimiert36 (97 %)
Zeitfensterverstöße
Disposition27 % (100 %)
Optimiert0 % (0 %)

Simulationsbeispiel auf synthetischen Daten: ein Regionallager, 1.164 Paletten, 60 % der Lieferstellen mit Drei-Stunden-Zeitfenstern, 33 Paletten Fahrzeugkapazität, Schicht 06–16 Uhr. Baseline ist eine typische Sektor-Disposition, optimiert wurde mit VROOM. Im Echtbetrieb rechnen wir denselben Digital Twin für die Regionallogistik eines Lebensmittelhandelsunternehmens – Ergebnisse besprechen wir im Gespräch.

Was das ehrlicherweise nicht löst

Optimierung schafft keine Fahrer. Sie senkt den Bedarf. Ob daraus ein Vorteil wird, hängt an drei Bedingungen, die man vorher klären sollte:

  • Die freie Kapazität muss verwendbar sein. Eingesparte Stunden helfen, wenn sie zusätzliche Aufträge, weniger Überstunden oder weniger Subunternehmerleistung ermöglichen. Bleiben sie ungenutzt, ist der Effekt buchhalterisch – nicht betrieblich.
  • Der Ausgangsplan muss Luft haben. Wer sternförmig aus einem Depot in ein dünn besetztes Gebiet liefert und ohnehin volle Fahrzeuge fährt, findet wenig. Wer viele Zeitfenster, mehrere Fahrzeugtypen und historisch gewachsene Gebietsgrenzen hat, findet meistens mehr.
  • Die Entlastung ist einmalig, nicht dauerhaft. Eine Optimierung hebt das Niveau einmal. Wächst die Nachfrage weiter, verschiebt sie den Engpass nur nach hinten – sie beseitigt ihn nicht.
Was zusätzlich im System steckt
Ein verwandter Hebel sind Leerfahrten: 2024 waren 37,6 % aller Fahrten deutscher Lkw Leerfahrten – im Nahbereich sogar 43,5 %, im Fernbereich nur 15,2 % 8. Wichtig ist die genaue Lesart: Das ist der Anteil an Fahrten, nicht an Kilometern. Auf die Fahrleistung bezogen liegt der Anteil bei rund 23,5 % 9. Auch das sind Fahrerstunden ohne Ladung – aber deutlich weniger, als die Schlagzeilenzahl vermuten lässt.

Was Sie konkret tun können

Der pragmatische Einstieg besteht nicht darin, Software auszuwählen, sondern die eigene Planung einmal nachzurechnen. Drei Kennzahlen sind dafür aussagekräftiger als die Kilometersumme:

  • Touren über Schichtende. Wie viele Ihrer Touren enden regelmäßig nach der geplanten Schicht? Das ist die direkteste Messgröße für strukturelle Überlast.
  • Fahrzeit je Stopp. Steigt sie über die Jahre, ist meistens die Gebietsstruktur veraltet, nicht der Verkehr schlechter geworden.
  • Auslastung bei Tourende. Fahrzeuge, die halb voll zurückkommen, sind Hinweise auf eine Zuordnung, die der Geografie folgt statt der Kapazität.

Wie sich diese Kennzahlen im Detail zwischen manueller und gerechneter Planung unterscheiden, zeigt der Text zur manuellen und dynamischen Tourenplanung.

Quellen
  1. 1Statistisches Bundesamt (Destatis): Anteil der Babyboomer in vielen Mangelberufen überdurchschnittlich hoch, Pressemitteilung Nr. N001, Mikrozensus 2023 (2025). Quelle
  2. 2IRU: 2024 Global Truck Driver Shortage Report (2025). Quelle
  3. 3Gemeinsamer Appell von elf Wirtschaftsverbänden (u. a. BGL, DSLV, BDI, BGA, HDE): Fahrermangel als Gefahr für die Lieferketten, berichtet von LOGISTIK HEUTE (2026). Quelle
  4. 4IRU: Global Driver Shortage Report 2025 (2026). Quelle
  5. 5Statistisches Bundesamt (Destatis): Lkw-Verkehr: Ein Drittel aller Berufskraftfahrer und -fahrerinnen ist 55 und älter, Pressemitteilung Nr. N 023 (2022). Quelle
  6. 6Bundesamt für Logistik und Mobilität (BALM): Marktbeobachtung Güterverkehr – Jahresbericht 2024, S. 26 (2025). Quelle
  7. 7BGL: Abschätzung zur Kostenentwicklung im Güterkraftverkehr – Einsatz im Fernbereich (national), Modellrechnung Stand Dezember 2023 (2023). Quelle
  8. 8Bundesamt für Logistik und Mobilität (BALM): Marktbeobachtung Güterverkehr – Jahresbericht 2024, Tabelle 7, S. 18 (Datenbasis Kraftfahrt-Bundesamt) (2025). Quelle
  9. 9Eigene Berechnung: Verhältnis von Leerfahrt-Kilometern zu Gesamtfahrleistung auf Basis der KBA-Statistik „Verkehr deutscher Lastkraftfahrzeuge – Verkehrsaufkommen“, Berichtsjahr 2025 (2026). Quelle
  10. 10eviit GmbH: Simulationsbeispiel Regionallogistik auf synthetischen Daten; die 22,5 Stunden Fahrzeit sind eine eigene Berechnung aus 1.012 eingesparten Kilometern bei modellierten 45 km/h (2026).

Bewusst nicht verwendet: die häufig zitierten 120.000 oder 140.000 fehlenden Fahrer. Diese Zahlen werden in Medien dem BGL zugeschrieben, ließen sich aber in keiner Primärquelle des Verbands bestätigen. Wir nennen deshalb die belegbaren 70.000 aus dem Verbändeappell vom Januar 2026.

Nächster Schritt

Wie viele Fahrerstunden stecken in Ihrem Tagesplan?

Vier Wochen Exporte aus Ihrer Disposition genügen. Wir rechnen nach, wie viele Kilometer, Stunden und Touren Ihre Planung heute braucht – und wie viele sie bräuchte, wenn dieselben Aufträge optimiert geplant würden.

Finden wir weniger als 5 % Kilometer-Potenzial, halbiert sich der Preis. Bei Umsetzung wird er vollständig angerechnet.

FAQ

Häufige Fragen

Kurzantworten zu den Fragen, die dieser Text am häufigsten auslöst.

Wie viele Berufskraftfahrer fehlen in Deutschland?

Über 70.000 Berufskraftfahrer fehlen, und die Altersstruktur verschärft die Lücke: 39 % der Fahrer im Gütertransport sind 55 Jahre oder älter, während nur 2,6 % unter 25 sind. Der Nachwuchspool ist damit der Engpass, nicht die Attraktivität der einzelnen Stelle – Einstellen allein kann die Lücke rechnerisch nicht schließen.

Wie viel Fahrerkapazität steckt in einer besseren Tourenplanung?

Kilometer sind Fahrerzeit. Im Simulationsbeispiel eines Regionalnetzes sanken die Wochenkilometer von 7.842 auf 6.830, also um 1.012 Kilometer; bei einer modellierten Durchschnittsgeschwindigkeit von 45 km/h entspricht das rund 22,5 Stunden Fahrzeit pro Woche – etwa eine halbe Fahrerstelle, freigesetzt ohne eine einzige Einstellung.

Ist Tourenoptimierung eine Antwort auf den Fahrermangel?

Sie ist die einzige Antwort, die ein Unternehmen selbst kontrolliert. Ob sich Fahrer finden lassen, entscheidet der Markt; wie viele Kilometer gefahren werden müssen, entscheidet die Planung. Deshalb rechnet eviit zuerst nach, wie viel Fahrzeit in der bestehenden Disposition gebunden ist, bevor über zusätzliches Personal oder Subunternehmer gesprochen wird.