
Elektro-Lkw Reichweite in der Praxis: welche Touren heute fahrbar sind.
Die Reichweitenfrage wird fast immer als Fahrzeugfrage gestellt und fast nie als Tourenfrage. Dabei entscheidet nicht die Zahl im Prospekt, sondern die Länge Ihrer tatsächlichen Touren – und die lässt sich verändern.
Reichweite ist eine Tourenfrage
„Reicht das?“ ist die erste Frage zu jedem Elektro-Lkw – und in dieser Form nicht beantwortbar. Denn sie vergleicht eine Fahrzeugeigenschaft mit einem Gefühl. Beantwortbar wird sie erst, wenn man sie umdreht: Wie lang sind Ihre Touren wirklich, und wie viele davon liegen unter welcher Schwelle?
Auf nationaler Ebene ist die Antwort überraschend deutlich. Von den 2.778 Millionen Tonnen, die deutsche Lkw 2024 befördert haben, entfielen 53,0 % auf den Nahverkehr bis 50 Kilometer und 25,6 % auf den Regionalverkehr zwischen 51 und 150 Kilometern – zusammen 78,6 % der Gütermenge innerhalb von 150 Kilometern 1. Umgekehrt gilt allerdings auch: Gemessen in Tonnenkilometern entfallen 66,1 % auf den Fernverkehr ab 151 Kilometern. Die Masse fährt kurz, die Leistung entsteht lang.
Für die Elektrifizierung heißt das: Wer regional verteilt, hat es mit einem grundsätzlich anderen Problem zu tun als wer Fernverkehr fährt. Für den überwiegenden Teil der Regionallogistik ist die Reichweite aktueller Fahrzeuge kein technisches Hindernis mehr.
Was die Fahrzeuge angeben – und womit man planen sollte.
Die hellen Balken sind Herstellerangaben 10, die roten unsere konservativen Planwerte: Herstellerangabe abzüglich 25 % für Winter, Zuladung und Topografie. Die senkrechten Linien markieren die durchschnittliche Tourlänge in unserem Simulationsbeispiel – vor und nach der Optimierung.
Herstellerangaben sind Bestwerte unter günstigen Bedingungen und keine garantierten Reichweiten. Der Abschlag von 25 % ist unsere eigene, konservative Planungsannahme; sie orientiert sich an der von Daimler Truck gemessenen Mehrverbrauchsquote bei durchschnittlich −2 °C und ist bewusst pauschal gewählt, weil belastbare unabhängige Winterdaten für alle drei Fahrzeuge nicht vorliegen. Beim MAN eTGX ist die Standardkonfiguration mit 480 kWh angesetzt; die vielzitierten 740 Kilometer gelten für den Solobetrieb ohne Anhänger mit optionaler siebter Batterie.
Was Kälte und Zuladung tatsächlich abziehen
Die belastbarste öffentlich dokumentierte Wintermessung stammt von Daimler Truck: Auf einer 6.500 Kilometer langen Tour durch zehn Länder lag der Verbrauch auf einem repräsentativen Abschnitt bei durchschnittlich −2 °C rund 25 % über dem Sommerwert. Aufgeschlüsselt entfielen davon etwa 15 Prozentpunkte auf Roll- und Luftwiderstand, 5 auf die Kabinenheizung bei 21 °C, rund 4 auf verringerte Rekuperation und weniger als 1 auf die Batterieheizung. Unter Schnee und Eis mit skandinavischer Bereifung stieg der Mehrverbrauch auf rund 50 % 3.
Unabhängig davon hat der ADAC den eActros 600 mit etwa 88 kWh pro 100 Kilometer gemessen; nach 300 Kilometern der Testfahrt zeigte die Batterie noch 53 % 2. Beide Werte zusammen ergeben ein realistisches Bild: Die 500 Kilometer sind nicht erfunden, aber sie sind ein Bestwert. Wer mit 375 Kilometern plant, wird selten enttäuscht.
Ein häufig übersehener Punkt betrifft die Nutzlast: Für Fahrzeuge mit alternativen oder emissionsfreien Antrieben erlaubt § 34 StVZO ein um eine beziehungsweise zwei Tonnen erhöhtes zulässiges Gesamtgewicht 5. Das Mehrgewicht der Batterie geht damit nicht vollständig zulasten der Ladung – eine Regelung, die in Wirtschaftlichkeitsrechnungen regelmäßig fehlt.
Der Engpass ist nicht das Fahrzeug, sondern die Ladeinfrastruktur
Während die Fahrzeuge weitgehend verfügbar sind, hinkt das öffentliche Laden deutlich hinterher: Im April 2026 gab es in Deutschland 88 Standorte mit 218 Ladestationen und 355 Ladepunkten speziell für Lkw. Von Megawattladepunkten, wie sie für Fernverkehrsanwendungen gedacht sind, existierten im Juli 2026 bundesweit genau sieben; die Nationale Leitstelle Ladeinfrastruktur plant bis 2030 rund 4.200 öffentliche Ladepunkte für schwere Nutzfahrzeuge 4.
Für Depotverkehre relativiert das die Lage erheblich: Wer abends im eigenen Hof lädt, ist von der öffentlichen Infrastruktur kaum abhängig. Genau deshalb ist die Regionallogistik der realistische Einstiegsfall – und genau deshalb ist die entscheidende Frage nicht „welches Fahrzeug“, sondern „welche Touren, und welcher Ladebedarf entsteht daraus je Standort“.
Der Markt bewegt sich entsprechend langsam, aber stetig: 2025 wurden in Deutschland 1.398 neue schwere batterieelektrische Lkw ab 16 Tonnen zugelassen, ein Plus von 37,9 % bei einem Marktanteil von 2,6 % 6. Im Bestand standen zum 1. Oktober 2025 knapp 10.000 rein elektrische Lkw über 12 Tonnen 7.
Wer die Touren neu plant, elektrifiziert fast doppelt so viel.
Fraunhofer ISI hat gemeinsam mit Einride und REWE untersucht, was passiert, wenn man Diesel nicht eins zu eins durch E-Lkw ersetzt, sondern die Einsatzplanung gleich mit optimiert 9. Datenbasis waren über 38.000 Lieferungen, mehr als 200 Diesel-Lkw und über 500 Filialen im Umkreis von 230 Kilometern.
1:1-Ersatz
Diesel raus, E-Lkw rein, Tourenplan bleibt
Mit optimierter Einsatzplanung
Gleiche Flotte, neu geschnittene Touren
Quelle: Fraunhofer ISI mit Einride und REWE (2025). Die Zahlen stammen aus einem konkreten Handelsnetz und sind nicht auf jede Flotte übertragbar – die Richtung des Effekts ist jedoch belastbar: Der Planungshebel ist größer als der Fahrzeughebel.
320 Lieferstellen. 37 Touren. Nachgerechnet.
Derselbe Mechanismus lässt sich an unserem Simulationsbeispiel nachvollziehen. Die Optimierung war nicht auf Elektrifizierung ausgelegt – sie verkürzt die Touren einfach. Genau das verschiebt aber die Schwelle, ab der ein Fahrzeug elektrisch fahrbar ist.
- Die durchschnittliche Tourlänge sinkt von rund 212 auf rund 190 Kilometer (eigene Berechnung aus 7.842 km / 37 Touren bzw. 6.830 km / 36 Touren)
- Beide Werte liegen deutlich unter dem konservativen Planwert selbst des kleinsten der drei betrachteten Fahrzeuge
- Entscheidend ist nicht der Durchschnitt, sondern die längste Tour – und genau die wird durch Optimierung kürzer
Simulationsbeispiel auf synthetischen Daten: ein Regionallager, 1.164 Paletten, 60 % der Lieferstellen mit Drei-Stunden-Zeitfenstern, 33 Paletten Fahrzeugkapazität, Schicht 06–16 Uhr. Baseline ist eine typische Sektor-Disposition, optimiert wurde mit VROOM. Im Echtbetrieb rechnen wir denselben Digital Twin für die Regionallogistik eines Lebensmittelhandelsunternehmens – Ergebnisse besprechen wir im Gespräch.
Wie Sie herausfinden, welche Ihrer Touren fahrbar sind
Der Durchschnitt ist dabei die uninteressanteste Kennzahl. Entscheidend ist die Verteilung: Wie viele Ihrer Touren liegen über 300 Kilometern, wie viele über 400? Welche davon würden unter einer neuen Gebietsaufteilung darunter fallen? Und welcher Ladebedarf entsteht daraus je Depot und Nachtfenster?
Vier Größen bestimmen die Antwort:
- Tourlänge im Winter, nicht im Mittel. Planen Sie mit dem konservativen Wert, sonst erzeugen Sie im Januar genau die Ausfälle, die das Projekt intern beschädigen.
- Standzeit als Ladefenster. Zwanzig Minuten an der Rampe sind keine Ladepause, acht Stunden im Depot schon. Die Frage ist, ob das Nachtfenster für die gesamte Flotte reicht oder ob gestaffelt geladen werden muss.
- Nutzlast inklusive Batteriegewicht, unter Berücksichtigung der erhöhten Gewichtsgrenze nach § 34 StVZO.
- Topografie und Zuladungsprofil. Dieselbe Kilometerzahl kostet im Mittelgebirge mit voller Ladung deutlich mehr Energie als in der Ebene mit Teilladung.
Was wir bewusst nicht behaupten
Es kursieren Zahlen, nach denen ein bestimmter Prozentsatz aller deutschen Lkw-Touren unter 300 Kilometern liege. Die bekanntesten davon stammen aus einer Machbarkeitsstudie zu zwei REWE-Depots in Berlin und beschreiben genau diese beiden Standorte – an einem lagen 96 % der Tagesfahrleistung unter 200 Kilometern, am anderen nur 45 % 8. Als bundesweite Aussage taugen sie nicht, und wir verwenden sie deshalb nicht.
Die belastbare nationale Aussage ist die Verteilung nach Entfernungsklassen weiter oben. Alles darüber hinaus ist eine Frage an Ihre eigenen Daten – und die lässt sich in wenigen Wochen beantworten. Welche Restriktionen dabei zusätzlich zu beachten sind, steht im Text zu den Restriktionen in der Tourenplanung.
- 1Bundesamt für Logistik und Mobilität (BALM): Marktbeobachtung Güterverkehr – Jahresbericht 2024, Tabelle 6, S. 16 f. (Datenbasis Kraftfahrt-Bundesamt); Prozentanteile eigene Berechnung aus den ausgewiesenen Tonnagen (2025). Quelle
- 2ADAC: Mercedes-Benz eActros 600 – Fahrzeugdaten und Testfahrt, unter Angabe der Herstellerwerte (2024). Quelle
- 3Daimler Truck: eActros 600 Europatour bei Schnee & Eis – Verbrauchsmessung auf 6.500 km durch zehn Länder (2025). Quelle
- 4Nationale Leitstelle Ladeinfrastruktur / HoLa: Auswertung zum Stand des Lkw-Ladenetzes in Deutschland, berichtet von electrive (2026). Quelle
- 5StVZO: § 34 Achslast und Gesamtgewicht, insbesondere Absatz 6a zu alternativen und emissionsfreien Antrieben (2026). Quelle
- 6ACEA: Neuzulassungsstatistik Nutzfahrzeuge 2025, berichtet von VerkehrsRundschau und electrive (2026). Quelle
- 7Kraftfahrt-Bundesamt (KBA): Bestandsdaten zum 1. Oktober 2025, berichtet von electrive (2026). Quelle
- 8Fraunhofer ISI: Lieferverkehr mit Batterie-Lkw: Machbarkeit 2021 – Untersuchung zweier REWE-Depots in Berlin (2021). Quelle
- 9Fraunhofer ISI mit Einride und REWE: Beyond replacing diesel trucks: how optimized fleet planning increases electrification and lowers transportation costs (2025). Quelle
- 10Volvo Trucks / MAN Truck & Bus: Herstellerangaben zu Volvo FH Aero Electric (780 kWh, bis zu 600 km) und MAN eTGX (Standardkonfiguration bis 480 kWh, bis zu 570 km; 740 km nur solo ohne Anhänger mit optionaler siebter Batterie) (2025). Quelle
Herstellerangaben sind als solche gekennzeichnet und keine unabhängig geprüften Werte. Die Winter-Verbrauchsmessung stammt vom Hersteller selbst; eine unabhängige deutsche Vergleichsmessung lag uns nicht vor. Der von uns verwendete Abschlag von 25 % auf die Herstellerreichweite ist eine eigene, bewusst konservative Planungsannahme.
Tourenoptimierung
LesenSoftware-Auswahl
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LesenWelche Ihrer Touren sind heute schon elektrisch fahrbar?
Der E-Flotten-Check rechnet Ihre echten Touren gegen Reichweite, Ladefenster und Nutzlast: Liste E-tauglicher Touren, Ladeprofil je Standort, Diesel-Ersatzquote – und der Tourenschnitt, mit dem mehr davon fahrbar würden.
Finden wir weniger als 5 % Kilometer-Potenzial, halbiert sich der Preis. Bei Umsetzung wird er vollständig angerechnet.
Häufige Fragen
Kurzantworten zu den Fragen, die dieser Text am häufigsten auslöst.
Reicht die Reichweite heutiger E-Lkw für den Regionalverkehr?
Für den größten Teil davon ja. 78,6 % der Gütermenge in Deutschland wird innerhalb von 150 Kilometern bewegt – eine Distanz, die aktuelle Serienfahrzeuge mit Batterien um 480 kWh im Tagesbetrieb abdecken. Der Haken liegt nicht in der Reichweite an sich, sondern in ihrer Verteilung über die Touren: Entscheidend ist, welche konkreten Touren nach Nutzlast, Topografie und Ladefenster fahrbar sind.
Welche Touren sind heute schon elektrisch fahrbar?
Das lässt sich nur auf den eigenen Tourdaten beantworten, nicht am Datenblatt. eviit rechnet dazu denselben Digital Twin wie für die Tourenoptimierung, nur mit anderer Frage: Reichweitenbedarf je Tour, Nutzlastverlust durch die Batterie, mögliche Ladefenster an Depot und Rampe, daraus die Liste E-tauglicher Touren, das Ladeprofil je Standort und die Diesel-Ersatzquote. Als E-Flotten-Check zum Festpreis ab 12.900 € netto.
Wie stark ist der Marktanteil batterieelektrischer Lkw bisher?
Klein, aber wachsend: Bei Neuzulassungen schwerer Lkw ab 16 Tonnen liegt der Marktanteil batterieelektrischer Fahrzeuge bei 2,6 %, bei einem Zuwachs von 37,9 % gegenüber dem Vorjahr. Für Flottenentscheidungen heißt das: Die Fahrzeuge sind verfügbar, die Frage ist die Einsatzplanung – welcher Teil des eigenen Netzes elektrisch fahrbar ist, ohne die Termintreue zu verlieren.